Bundespräsident Christian Wulff beim 4. Forum der „Allianz der Zivilisationen“
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As-salâmu alaykum!
Ich bin sehr gern hierher gekommen. Mein Dank gilt unseren
Gastgebern in Katar, allen voran Scheicha Moza. Er gilt den Partnern,
die mit der „Allianz der Zivilisationen“ einen wichtigen Anstoß gegeben
haben und hier in Doha weiterentwickeln wollen. Eine
funktionstüchtige, friedensstiftende und erfolgreiche „Allianz der
Zivilisationen“ setzt zuallererst Pluralität voraus, ein Bekenntnis zur
Vielfalt, zu Fremden und Fremdem. Dazu gehört auch, allen Menschen
faire Lebenschancen zu geben und Macht nicht nur auf einige wenige
zu konzentrieren. Jeder einzelne braucht und verdient Chancen auf
Bildung und auf Teilhabe. Nötig dafür ist auch, die Presse- und die
Meinungsfreiheit zu garantieren, damit ein offener Wettbewerb der
Ideen möglich wird. Niemand darf anderen verbieten, frei zu denken.
Es macht einen Unterschied, ob man sich ernsthaft für sein
Gegenüber interessiert. Wenn man den anderen in seinem Anderssein
achtet und versucht, die Welt auch aus seiner Perspektive zu sehen
und zu verstehen, dann kann man – mit allem Respekt – auch
Strittiges ansprechen
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Dieser Dialog hat aber auch Grenzen: Wer die Menschenwürde
missachtet und sich in schwerwiegender Weise an den universellen
Menschenrechten vergeht, mit dem ist ein solcher Dialog nicht möglich.
Sehr geehrte Damen und Herren, in meiner Heimat werbe ich für
die Anerkennung des Islam, weil er inzwischen zu unserem Land
dazugehört – das haben längst nicht alle akzeptiert.
Und in muslimisch geprägten Ländern rufe ich dazu auf, Christen
und anderen religiösen Minderheiten Schutz und freie Entfaltung zu
geben. Staat und Kirche müssen getrennt sein.
Religiöser Pluralismus ist eine wichtige Voraussetzung für ein
friedliches Miteinander! Für viele Menschen ist ihr Glaube untrennbarer
Bestandteil ihrer Identität. Aber wir dürfen Menschen nicht allein über
Religion definieren.
Alle monotheistischen Weltreligionen glauben, dass der Mensch
vom Schöpfer erschaffen wurde. Darum sollten gerade Glaubensführer
Andersgläubigen mit Respekt begegnen und klar und deutlich ihre
Stimme erheben, wo Religion als Vorwand von Konflikten missbraucht
wird.
Sie sollten versuchen, sich auf die gemeinsamen Grundlagen
ihrer Glaubensvorstellungen zu besinnen: auf den Glauben an einen
Schöpfer, und auf den Auftrag, diese Schöpfung zu achten und die
Würde aller Menschen zu wahren. Dann können die Weltreligionen von
einem Zankapfel zu einem Medium der Verständigung, zur Grundlage
einer gemeinsamen Humanität, eines Weltethos werden. Die Würde
des Menschen muss dabei das Bindeglied sein.
Nicht zuletzt die Umbrüche in der arabischen Welt und der
mutige Einsatz vieler – gerade junger – Menschen zeigen: Die
Sehnsucht nach freier Entfaltung, nach Gerechtigkeit, nach Würde und
Anerkennung, nach politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher
Teilhabe ist universell! Wir haben die große Chance, in einer Welt der
Unterschiede neue Wege der Verständigung und der Zusammenarbeit
zu finden – zwischen unseren Ländern wie auch im Inneren von
Gesellschaften, zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller oder
religiöser Herkunft. Voraussetzung ist, dass wir Fehlentwicklungen und
Intoleranz nicht tabuisieren und Vorurteile in Frage stellen, genauer
hinschauen und differenzieren.
Hat „der Westen“ tatsächlich nur Hegemonie im Sinn? Und
worauf basiert unser Misstrauen gegenüber „islamistischen Kräften“?
Ich bin mir sicher, Europa wird seinen Blick auf die muslimisch
geprägten Länder verändern. In meinem Amt suche ich den Dialog mit
der Organisation Islamischer Staaten und mit vielen Ländern wie
Bangladesch, Indonesien, Ägypten, Tunesien, dem Oman, den
Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait, der Türkei oder eben Katar.
Katar ist ein atemberaubendes Beispiel für einen dynamischen Prozess,
von dem viele profitieren.
Umgekehrt kann unsere Bereitschaft, freiheitliche Kräfte in den
Ländern des Umbruchs zu unterstützen, hoffentlich Ähnliches
bewirken.
In Europa haben viele zu lange an autoritären Herrschern
festgehalten – obwohl wir doch aus eigener Erfahrung wissen sollten:
Auf lange Sicht ist die Vielfalt einer offenen Gesellschaft der beste
Garant für Frieden, Stabilität und Entwicklungschancen!
Überall geht es darum, die Institutionen zu fördern, die Gewalt
durch Recht und Macht durch Gewaltenteilung begrenzen, eine
lebendige Zivilgesellschaft zu fördern, Meinungsvielfalt und
Minderheiten zu schützen, politische Teilhabe für alle – insbesondere
für Frauen – zu sichern
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Junge Leute in vielen Ländern und Städten – auch in New York, in
Chile, in Madrid oder Berlin – haben die Sorge, dass Schulden zu
Lasten ihrer Generation gemacht werden.
Würdige Lebenschancen für alle zu schaffen, ist mehr denn je
eine gemeinsame Verantwortung, über alle kulturellen Grenzen
hinweg. Das kann in einer Welt der globalen Abhängigkeiten nur
gelingen mit fairen Handelsbeziehungen, mit Zugang zu Ressourcen,
mit Umwelt- und Klimaschutz, mit der Bereitschaft anderer Staaten,
bei Konflikten zu vermitteln und Gewaltherrschaft zu ächten und zu
bekämpfen.
Die Arabische Liga und der Golfkooperationsrat haben – nicht
zuletzt auf Initiative Katars – in den vergangenen Monaten ein hohes
Verantwortungsbewusstsein gezeigt und mutige Entscheidungen zu
Libyen, Syrien und Jemen getroffen. Diese Entwicklung verdient große
Anerkennung und Respekt. Katar trägt dazu bei, dass wir einander
verstehen, aufeinander zugehen und voneinander lernen.
Ich möchte auch dem Generalsekretär der Vereinten Nationen,
Ban Ki-moon, meinen Dank aussprechen: Wohl noch nie waren die
Vereinten Nationen an so vielen Stellen gefordert und konnten so viele
Erfolge verbuchen – ich denke etwa an die Ereignisses in der
Elfenbeinküste oder auch die Gründung des neuen Staates Südsudan.
Unsere Welt ist mehr denn je durch Medien, Märkte und
Migrationsströme verbunden. Das hat sein Gutes: Videos von Gewalt in
einigen arabischen Ländern etwa haben weltweit Erschütterung,
Empörung und globale Solidarität hervorgerufen. Andererseits können
mit den neuen Kommunikationsmitteln Vorurteile geschürt und
verbreitet werden, etwa die Vorbehalte und Ängste gegenüber dem
Islam.
Darum ist der Wert von unabhängigen Medien, die sachlich und
fair berichten, die in der Region verankert sind und damit
Glaubwürdigkeit besitzen, nicht hoch genug einzuschätzen! Ich arbeite
aber dafür, dass sich mehr und mehr das Bewusstsein durchsetzt, dass
wir eine Weltgemeinschaft, ja eine Schicksalsgemeinschaft sind. Eine
Gemeinschaft, in der wir die Gefühle wie auch die Interessen der
anderen verstehen müssen, um zu gemeinsamen Lösungen zu
kommen.
Die Aufgaben, die vor uns liegen, sind riesig: Friedenssicherung,
Terrorbekämpfung, Finanzordnung, Klimaschutz. Sie können uns
trennen oder verbinden. Wir sollten daran arbeiten, dass das
Gemeinsame stärker ist als jene Kräfte, die uns entzweien.
Ich zähle dabei auf die Kraft der „Allianz der Zivilisationen“. Auf
Kooperation statt Konfrontation: Darauf, Teil der Lösung, nicht Teil des
Problems sein zu wollen. Wenn so viele, wie bei der Konferenz der
„Allianz der Zivilisationen“ Teil der Lösung sein wollen, dann werden
jene, die Teil des Problems sind, keine Chance haben.